5 Gründe, warum Dein Kind nicht immer alles entscheiden sollte – um seinetwillen!

Entscheidungen treffen lernen ohne Überforderung für Kinder

Können zu viele Entscheidungen Kindern schaden?

 

Bestimmt kennst Du den Spruch: „solange Du Deine Schuhe unter meinen Tisch stellst…“.

Hast Du ihn als Kind auch gehasst? Damit wollen Eltern oft zeigen, dass sie die Entscheidungsmacht haben und bestimmen, solange das Kind noch im Elternhaus lebt.

Viele, die diesen Spruch gehasst haben, möchten ihrem Kind die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden anstatt ihm Entscheidungen aufzudrücken. Das finde ich grundsätzlich gut, allerdings gibt es auch hier wieder ein Extrem, das weder Eltern noch Kind gut tut: wenn Kinder alles entscheiden dürfen.

Oder soll ich sagen: alles entscheiden müssen?

Denn als Kind viele Entscheidungen selbst treffen zu müssen stellt aus psychologischer und neurowissenschaftlicher Sicht tatsächlich eine Bürde dar. Und kann sich nachteilig aufs Kind auswirken. Warum?

 

1. Entscheidungen kosten Energie

Viele Entscheidungen überfordern uns. Denn jede Entscheidung kostet uns Ressourcen. Da wir pro Tag aber nur eine begrenzte Menge an Ressourcen zur Verfügung haben, zählt jede einzelne Entscheidung. Und raubt uns ein Stück unserer Energie.
Einige Prominente gehen mit dieser Erkenntnis sehr radikal um. Sie ziehen z.B. grundsätzlich das gleiche T-Shirt an oder essen jeden Morgen das gleiche Müsli. So gibt es z.B. ein lustiges Foto des Kleiderschranks von Mark Zuckerberg, bei dem er sich nach der Elternzeit fragt, was er denn nun anziehen soll (siehe hier: Kleiderschrank von Mark Zuckerberg). Die ganze Kleiderstange hängt voll von identischen T-Shirts.

Warum also sollten wir unseren Kindern den ganzen Tag über Energie rauben, die sie für ihre Entwicklung benötigen? Um unser Gewissen zu beruhigen, dass wir sie „gerecht“ behandeln und sie alles selbst entscheiden lassen?

 

2. Entscheidungen überfordern, wenn das Entwicklungsstadium des Kindes nicht beachtet wird

Kleine Kinder treffen Entscheidungen zunächst sehr eindimensional, nach einzelnen Kriterien. So würde ein Kind sich z.B. etwas zum Geburtstag wünschen, das es bei einem bewunderten größeren Kind gesehen hat. Ohne dabei auf andere Kriterien zu achten, wie z.B. ob es fürs eigene Alter schon geeignet ist.
Kleine Kinder können zunächst auch nur sinnvoll zwischen Alternativen entscheiden, die sie direkt bildlich vor sich haben. Für sie ist es überfordernd, wenn gefragt wird, ob sie lieber spazieren gehen möchten oder drin bleiben. Da sie dazu noch keine fest abgespeicherten Vorstellungen haben und sich nicht vorstellen können, wie es wäre, das eine oder andere zu tun. Weil sie sich sich selbst noch nicht in der Zukunft vorstellen können. Sie leben zunächst noch ganz im Hier und Jetzt und sollten das auch dürfen ohne sich ständig um die Auswirkungen ihrer Entscheidungen sorgen zu müssen.

Später können Kinder zwischen Dingen entscheiden, zu denen sie eine Vorstellung, also ein Bild im Kopf haben. Dann hätten sie aber immer noch Probleme mit einem Fall wie diesem: „Möchtest Du lieber in ein Museum gehen oder in eine Kunst-Ausstellung?“. Solche Entscheidungen können dem Kind viel abverlangen. Denn es hat voraussichtlich keine Vorstellung dazu. Und die Fähigkeit zur gedanklichen Vorstellung entwickelt sich auch nicht schneller, wenn Kinder zu früh zu überfordernden Entscheidungen gezwungen werden.

Im Schulalter können Kinder dann abstrakte Sachverhalte nachvollziehen und verschiedene Kriterien mit in Betracht ziehen und die Kriterien gegeneinander abwägen. Vorher sind sie aufgrund ihrer kognitiven Entwicklung noch nicht dazu in der Lage.

Durch ständiges Zwingen zu Entscheidungen bevor sie eine Vorstellung davon haben, lernen Kinder auch nicht, bessere Entscheidungen zu treffen. Je älter die Kinder werden, desto mehr kann man mit ihnen über Entscheidungen sprechen. Mit ihnen das Für und Wider abwägen und sich auch von ihren Argumenten überzeugen lassen.

Grundsätzlich ist es aber so, dass auch wir Erwachsenen überfordert sind von zu vielen Alternativen beim Auswählen. Je mehr Alternativen uns zur Verfügung stehen, desto schwerer fällt die Entscheidung und desto unglücklicher sind wir hinterher mit unserer Wahl. Denn wir haben uns damit ja gleichzeitig gegen so viele andere vielleicht bessere Alternativen entschieden (siehe Die Nebenwirkungen der Freiheit).

 

3. Aufgezwungene Verantwortung durch Entscheidungen

Soll das Kind auch bei bedeutsamen Entscheidungen, wie z.B. der Planung des nächsten Urlaubs bestimmen, dann ist ihm damit kein großer Gefallen getan, denn dann lastet die Bürde der Entscheidung auf ihm. Ich meine hier nicht den Fall, dass das Kind seine Meinung äußern darf und die mit einbezogen wird, sondern dass das Kind tatsächlich mit seiner Meinung selbst entscheiden darf, wohin der Urlaub geht (eventuell auch entgegen der ursprünglichen Meinung der Eltern!).

Sich zu entscheiden bedeutet immer auch, mit für den Ausgang verantwortlich zu sein. Entscheidet das Kind also über das Urlaubsziel, wird ihm damit auch aufgebürdet, das selbst herbeigeführt zu haben („das wolltest du doch so!“).

 

4. Überschätzung des Gewichts der eigenen Meinung und Abwertung anderer Meinungen

Durch das Bestimmen bei allem, was das Kind betrifft, wird die Anspruchshaltung des Kindes gefördert. Wenn das Kind lernt, dass es alles selbst entscheiden darf, was es betrifft (und was zwangsläufig auch andere betrifft wie z.B. das Mittagessen oder die Urlaubswahl), dann lernt das Kind damit die eigene Meinung über die Meinung anderer zu stellen. Denn die eigene Meinung zählt ja mehr, da sie immer durchgesetzt werden darf.
Was tun, wenn die Eltern z.B. gerne in den Bergen wandern würden, das Kind aber einen Strandurlaub fordert (vielleicht weil es die Berge gar nicht kennt oder keine Vorstellung davon hat?)? Buchen die Eltern nun einen Strandurlaub und geben ihr Geld für den Wunsch des Kindes aus, dann erhält das Kind damit die Botschaft, immer bekommen zu können was es will, egal was andere gerne hätten.

Mit mehreren Kindern geht das Konzept dann schon nicht mehr auf, es sei denn die Mutter fährt mit dem einen Kind in die gewünschten Berge, der Vater mit dem anderen ans gewünschte Meer, während die Oma mit dem dritten Kind zu Hause bleibt, weil es gerne dort mit seiner Freundin spielen möchte. Das führt die Idee, dass jedes Kind über das, was es betrifft selbst bestimmen darf ad absurdum!

Indem ein Kind immer alles selbst entscheiden darf (und vor allem das letzte Wort behält), lernt es nicht wie man gute Entscheidungen trifft. Sondern es lernt, dass es nicht nötig ist, die Meinung anderer zu akzeptieren oder auf sie einzugehen. Denn es darf seine eigene Meinung ja immer durchsetzen. Wer immer alles bestimmen darf, benötigt keine Kompromisse und hat es daher später schwerer im Zusammenleben mit anderen (die im schlimmsten Fall genauso aufgezogen wurden, dann treffen Fronten aufeinander!).

 

5. Entwertung der Eltern und ihrer Meinung mit folgender Unsicherheit des Kindes

Wir sind die Eltern, wir sind erfahrener und die Kinder sind unsere Schutzbefohlenen. So sehr wir mit ihnen „auf einer Ebene“ sein wollen und uns Ihre Gunst und Liebe „erkaufen“ wollen, indem wir sie alles entscheiden lassen, so sehr schaden wir ihnen gleichzeitig damit. Denn wir nehmen ihnen damit den sicheren Rahmen. Und bürden ihnen Verantwortung auf, die sie in dem Alter eigentlich noch nicht ertragen müssten.
Wir sind die Eltern und haben die Verantwortung. Also handeln wir auch so und geben sie nicht ab in ihre zarten Hände!

Wir sollten ihr Halt sein, eine Konstante, an die sie sich halten können in dieser hektischen Welt. Wenn wir als Eltern eine Meinung haben und das Kind eine andere und wir trotzdem ständig das Kind entscheiden lassen, zeigen wir ihm damit, dass unsere eigene Meinung nicht zählt. Das führt wie oben beschrieben dazu, dass das Kind seine eigene Meinung überschätzt und die der Eltern unterschätzt („die Eltern schließen sich mir ja schlussendlich immer an, also hab ich wohl mehr Ahnung als sie!“).

Viel schlimmer ist aber das Zeichen an die Kinder, dass die Eltern nicht zu ihrer eigenen Meinung und ihrem Wort stehen. Und das fängt bei vermeintlichen Kleinigkeiten an. Hieß es vor dem Ausflug: „jeder kriegt zwei Eiskugeln“ und das Kind kann regelmäßig noch eine dritte Kugel raus schlagen vorm Eiscafé, dann zeigt das dem Kind, das auf die Meinung der Eltern kein Verlass ist.

Willst Du, dass Dein Kind Dir glaubt, dass Du es liebst wie es ist und dass Du immer für es da bist, egal was es tut? Taten sprechen lauter als Worte und Kinder sind schlau genug ihre Schlüsse zu ziehen und tun es auch.

Wenn Eltern ihre Meinung immer wieder ändern und die Kinder sie durch Argumentieren, Bitten und Betteln immer wieder umstimmen können, dann ist es jedes Mal ein Zeichen, dass man sich auf das Wort der Eltern nicht verlassen kann. Wenn schon in weniger wichtigen Belangen auf die Eltern-Meinung kein Verlass ist, dann schleichen sich beim Kind auch Zweifel ein bei den wichtigen Aussagen („ich liebe Dich immer, egal was Du tust“, „ich bin immer für Dich da“…). Dadurch nehmen wir ihnen den Halt, den sie brauchen in dieser hektischen Welt.

Wir sollten doch ihr sicherer Hafen sein. Aber wenn auf den kein Verlass ist, weil eigentlich das Kind das Gefühl hat alles bestimmen zu müssen, dann entsteht ein Unsicherheitsgefühl. Zusätzlich zu dem Druck, immer gut und richtig entscheiden zu müssen. Denn man hat ja mit den eigenen Entscheidungen „das Schicksal der Familie“ in der Hand.

 

Bitte, lasst eure Kinder Kinder sein! Und legt ihnen nicht gedanklich die Verantwortung für das Schicksal der Familie in die Hand, nur um alles anders zu machen als ihr es vielleicht als Kind erlebt habt!

 

 

Es geht hier nicht darum, die Meinung der Kinder nicht anzuerkennen und ihnen keine Stimme zu geben oder sie zu unterdrücken. Es geht darum, dass sie so aufwachsen, dass sie jederzeit ihre Meinung zu allem äußern dürfen, aber auch wissen, dass das nicht heißt, dass es automatisch nach ihrem Willen geht.

Sie sollen im Kleinkindalter nicht mit unnötigen Entscheidungen überfordert werden. Ich bin immer dafür, dass Kinder eigenständig sind (siehe Blogbeitrag zur Eigenständigkeit). Und finde auch, dass sie zunehmend in Entscheidungen einbezogen werden sollen. Aber noch wichtiger finde ich, dass sie erfahren dürfen, dass sie sich auf das Wort der Eltern verlassen können. Denn die Eltern treffen ihre Entscheidungen aufgrund ihrer Lebenserfahrung (die den Kinder noch fehlt), können mehrere Kriterien in die Entscheidung einbeziehen und tragen die Verantwortung für die Familie.

 

Es gibt also einen Mittelweg (Extreme sind nie gut!), mit dem Kinder lernen, zunehmend immer bessere Entscheidungen zu treffen:

 

Infografik Kinder selbst Entscheidungen treffen lassen
Nachteile von zu vielen Entscheidungen für Kinder

Was Du tun kannst

 

Bei Kleinkindern und Kindergartenkindern

  • 1.)Rausfinden: wobei ist es dem Kind überhaupt wichtig? Finde heraus, welche Bereiche Deinem Kind so wichtig sind, dass es da selbst entscheiden möchte. Manche Kinder möchten selbst bestimmen, was sie anziehen, anderen ist das nicht wichtig.
  • 2.)Austesten: Teste, ob Dein Kind vielleicht ohne eigene Entscheidung zufrieden ist. Musste es bisher immer sein Outfit selbst aus dem vollen Kleiderschrank wählen (je mehr Auswahl, desto überfordernder)? Dann lege ihm nun morgens ein Outfit hin. Und schau was passiert.
  • 3.)Wenig Alternativen: Wenn Dein Kind lieber selbst auswählen möchte, dann wären zwei rausgelegte Outfits eine Möglichkeit. Oder es wählt das Outfit schon am Abend zuvor aus und legt es zurecht, dann werden immerhin morgens Ressourcen gespart.
  • 4.)Anfangen, über verschiedene Meinungen zu diskutieren: Mit immer besserem sprachlichen Ausdruck und Verständnis könnt ihr anfangen, darüber zu diskutieren, warum ihr anderer Meinung seid und welche Kriterien ihr für diese Entscheidungen mit einbezieht.

 

Bei Schulkindern und Teenagern

  • Die Kinder können immer mehr Entscheidungen selbständig treffen. Aber z.B. beim Schulwechsel entscheiden Kinder eher nach Kriterien wie den gewünschten Freunden als nach tatsächlich bedeutsamen Kriterien. Bei so gewichtigen Entscheidungen sollten sie natürlich einbezogen werden, aber auch wissen, dass sie es nicht allein entscheiden müssen.
  • Diskutiert Entscheidungen gemeinsam und lasst die Kinder an eurem Entscheidungsprozess teilhaben. Macht zusammen eine Liste von Vor- und Nachteilen, wägt ab, wie gewichtig die einzelnen Posten sind.
  • Biete einen sicheren Rahmen durch Deine Entscheidungen. Auch größere Kinder fühlen sich in einem sicheren Rahmen manchmal überraschenderweise geborgener als man dachte. So wirkte unsere Große nahezu erleichtert, als wir die Handynutzung nach den ersten 2 Wochen auf 1 Stunde pro Tag beschränkt haben.
  • Achtung bei Entscheidungen in Bezug auf die Gesundheit des Kindes! Wenn es um Entscheidungen geht, die das Kind in seinem Leben und Erleben stark beeinflussen (Gesundheitsfragen, Medienkonsum…), dann gebt die Verantwortung bitte nicht zu früh ab! Langfristige gesundheitliche Folgen können die Kinder noch nicht abschätzen. (Das können viele Erwachsene ja auch nicht, wie man an Rauchern sieht). Daher müssen wir sie dahingehend schützen und solche Entscheidungen nicht auf sie abwälzen. Medien haben ein starkes Suchtpotenzial. Daher sind die Entscheidungen der Kinder leider dahingehend nicht so vernünftig, wie sie es bei anderen Themen in dem Alter vielleicht schon sein können.

 

Generell

  • Steh zu Deinem Wort und zeige Deinem Kind, dass Dein Wort zählt und was wert ist! Überlege Dir, bevor Du etwas ankündigst oder androhst, ob Du es auch durchhalten wirst. Und sag es nur dann, wenn Du Dir sicher bist, dass es klappt.
  • Natürlich kannst Du Dich auch von den guten Argumenten Deiner Kinder überzeugen lassen. Vor allem je größer sie werden und je besser die Argumente, aber versuche es nicht ständig zu tun.
  • Vielleicht findet ihr als Familie für euch ein Wort, dass das Ende der Diskussionen ankündigt („Basta“ oder Ähnliches)? Ist das ausgesprochen, dann musst Du aber tatsächlich bei Deiner Meinung bleiben, um den Kindern Sicherheit zu bieten. Im Moment selbst ist es für die Kinder natürlich frustrierend, dann nicht weiter verhandeln zu können. Aber Du schenkst ihnen damit (zusätzlich zur Lernchance, mit Frustration umgehen zu lernen) eine Grenze, auf die sie sich verlassen können. Das ist viel wert für ihr Sicherheitsgefühl. Und für ihr Vertrauen in Dich und Dein Wort.

 

Alles Liebe!

Daniela

 

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