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Überkreuz-Bewegungen vernetzen die Hirnhälften besser – ein Mythos!

Mythos: Überkreuz-Bewegungen vernetzen HIrnhälften

Warum Überkreuz-Bewegungen die Hirnhälften nicht vernetzen oder ausgleichen

 

Dass Überkreuz-Bewegungen die Hirnhälften vernetzen oder „ausgleichen“ könnten, ist ein leider gerade im pädagogischen Bereich sehr weit verbreiteter Mythos.

Wo ist der Mythos weit verbreitet?

Es gibt inzwischen sogar Artikel in Fachzeitschriften, die sich damit beschäftigen, warum so viele Angehörige bestimmter Berufsgruppen (z.B. Lehrer, Sporttrainer…) diesen Mythos und auch andere Neuromythen glauben. So wurden z.B. von Grospietsch und Kollegen (2919) Lehramtsstudenten, -Anwärter und Referendare der Universitäten Kassel und Kiel befragt. Von ihnen glaubten erschreckende 92% an die Wirksamkeit von Ansätzen wie BrainGym®, bei denen durch Überkreuz-Bewegungen die Hirnhälften „vernetzt“ werden sollen. Allerdings merken die Autoren an, dass teilweise sogar in Fachbüchern oder auch von den Dozenten selbst solche Ansätze gelehrt und verbreitet werden. Damit ist klar, warum solche Ansichten so verbreitet sind und sich so hartnäckig halten. Aber nur weil man es wo gelesen hat, heißt das nicht, dass es stimmt!

Bailey und Kollegen (2018) befragten Sporttrainer und fanden, dass immerhin 50,5% von ihnen fälschlicherweise annahmen, dass kurze Koordinationsübungen die Integration rechts- und linkshemisphärischer Hirnfunktionen verbessern können. Allerdings gaben ganze 44,2% „ich weiß nicht“ an, während nur 5% korrekt angaben, dass es nicht so ist.

 

Worauf basiert der Mythos?

Ansätze wie BrainGym® basieren auf veralteten Theorien wie der Annahme von Orton in 1937, dass man Schwierigkeiten beim Lesen dadurch erklären könnte, dass jemand linkshändig, -füßig oder –äugig sei oder keine eindeutige Präferenz habe. Da wurde dann angenommen, dass man die Hirnhälften mit Übungen „ausbalancieren“ könnte. Wissenschaftliche Studien konnten diese Annahmen aber nicht bestätigen (siehe Spaulding und Kollegen, 2010).

 

Warum werden Übungen mit Überkreuz-Bewegungen weiterhin angewendet?

Warum werden solche Übungen trotzdem noch angewendet in Schulen und teilweise sogar in Lerntherapien? Weil eventuell noch nicht überall angekommen ist, dass sie auf Annahmen basieren, die schon vor etlichen Jahrzehnten wissenschaftlich widerlegt wurden. Grundsätzlich kann Bewegung zwischen Lerneinheiten positiv sein, und zwar für die körperliche Aktivität der Schüler und auch das Verhalten in der Klasse, anscheinend aber eher weniger für ihre kognitive Leistung oder Aufmerksamkeit, denn in diesen Bereichen sind die Effekte über Studien hinweg nicht so eindeutig laut Masini und Kollegen (2020).

 

Können Überkreuz-Bewegungen älteren Menschen helfen?

Und können solche Übungen vielleicht älteren Menschen helfen? Eher nicht. In einer vorläufigen Studie konnten Cancela und Kollegen (2015) zeigen, dass BrainGym® bei älteren Menschen (um die 70 Jahre) keine zusätzlichen Effekte erbrachte, die über ein reines Bewegungstraining hinaus gingen. Auch in Bezug auf die kognitive Leistungsfähigkeit der älteren Studienteilnehmer gab es keine Effekte durch die BrainGym®-Übungen.

 

Werden die Hirnhälften durchs Klavierspielen verbunden?

Beim Klavierspielen geht es ja nicht vorrangig ums Überkreuzen, aber die Finger werden intensiv genutzt und linke und rechte Hand müssen koordiniert werden. Laut Studien ist es tatsächlich so, dass bei Klavierspielern das Corpus Callosum (oder Teile davon) dicker sind (sieh Olszewska und Kollegen, 2021). Das Corpus Callosum ist die Struktur, die unsere beiden Hirnhälften verbindet. Allerdings ist nicht gesagt, dass ein dickeres Corpus Callosum besser sein muss. Während es Bereiche gibt (in Bezug auf auditorische Fähigkeiten, also wenn es ums Hören geht oder auch in Bezug aufs Rhythmusgefühl), in denen Musiker besser abschneiden, wo ihnen ihre musikalische Erfahrung also hilft, gibt es leider auch Bereiche, in denen eine sehr intensive Musikpraxis sogar schädigend sein kann. Zum Beispiel wenn es um die neurologische Erkrankung der fokalen Dystonie geht (sogenannter „Musikerkrampf“), bei der es anscheinend durch sehr intensive Musikpraxis zu einer maladaptiven, also schlecht angepassten Veränderung im Gehirn kommt, die Muskelkrämpfe als negative Auswirkungen hat (siehe Barrett & Kollegen, 2013). Aber keine Sorge, hier geht es wirklich um Fälle sehr intensiver Musikpraxis, durch die sich anscheinend im Cortex die Hirnareale, die einzelne Finger repräsentieren, so vergrößert haben, dass sie miteinander überlappen, was dann zu Problemen führt.

 

Fazit

Das Fazit ist also: nein, Überkreuz-Bewegungen führen nicht zu einer kognitiven Leistungssteigerung oder gar zur Verknüpfung oder zum Ausbalancieren der Hemisphären. Grundsätzlich ist Bewegung aber meistens eine gute Idee und kann auch in der Schule dazu führen, dass das Verhalten im Klassenraum besser wird. Weil die Kinder dann Phasen haben, in denen sie ihre überschüssige Energie loswerden können.

 

Quellen:

 

  • Bailey, R. P., Madigan, D. J., Cope, E., & Nicholls, A. R. (2018). The Prevalence of Pseudoscientific Ideas and Neuromyths Among Sports Coaches. Frontiers in psychology9, 641. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2018.00641
  • Barrett, K. C., Ashley, R., Strait, D. L., & Kraus, N. (2013). Art and science: how musical training shapes the brain. Frontiers in psychology4, 713. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2013.00713
  • Cancela, J. M., Vila Suárez, M. H., Vasconcelos, J., Lima, A., & Ayán, C. (2015). Efficacy of Brain Gym Training on the Cognitive Performance and Fitness Level of Active Older Adults: A Preliminary Study. Journal of aging and physical activity23(4), 653–658. https://doi.org/10.1123/japa.2014-0044
  • Grospietsch, F., & Mayer, J. (2019). Pre-service Science Teachers‘ Neuroscience Literacy: Neuromyths and a Professional Understanding of Learning and Memory. Frontiers in human neuroscience13, 20. https://doi.org/10.3389/fnhum.2019.00020
  • Masini, A., Marini, S., Gori, D., Leoni, E., Rochira, A., & Dallolio, L. (2020). Evaluation of school-based interventions of active breaks in primary schools: A systematic review and meta-analysis. Journal of Science and Medicine in Sport, 34 (4), 377-384.
  • Olszewska, A. M., Gaca, M., Herman, A. M., Jednoróg, K., & Marchewka, A. (2021). How Musical Training Shapes the Adult Brain: Predispositions and Neuroplasticity. Frontiers in neuroscience15, 630829. https://doi.org/10.3389/fnins.2021.630829
  • Spaulding , L.S. Mostert, M.P. & Beam, A.P. (2010) Is Brain Gym® an Effective Educational Intervention?, Exceptionality, 18:1, 18-30, DOI: 10.1080/09362830903462508

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